Zurück zu den Wurzeln

Vera Nemirova gehört zu den ganz Großen der Opernregie – jetzt inszenierte sie in Rostock
Vera Nemirova
Foto: Dorit Gätjen
Zeitsprung in die 1980er: Vera, die Tochter der Opernsängerin Sonja Nemirova, besucht ihre Mutter fast täglich im Volkstheater. Dieses stille Mädchen mit üppigem dunklem Haar und dem alles genauestens beobachtenden Blick erlebt als Teenagerin vor und hinter den Kulissen wertvolle Lehrstunden. Inzwischen ist Vera Nemirova selbst eine gestandene Regisseurin, zählt zur internationalen Elite der Opernregie, inszeniert von Seoul bis Salzburg, von Dresden bis Wien. Für Leoš Janáčeks Oper Das schlaue Füchslein kehrte sie an den Ort ihrer Kindheit zurück – ein sehr bewegender Moment, denn 1983 und 84 stand sie als Fuchskind in eben diesem Werk selbst auf der Volkstheaterbühne. Dramaturgin Corina Wenke sprach mit Vera Nemirova.

Sie sind in Rostock quasi im Volkstheater aufgewachsen, haben wahrscheinlich alle Aufführungen in den 80-ern gesehen, selbst auf der Bühne gestanden und das Theater von innen erlebt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Vera Nemirova: Ich folgte meiner Mutter im Alter von neun Jahren aus Bulgarien nach Rostock. Ihre erste Partie war die Senta im Fliegenden Holländer. Gemeinsam mit ihr studierte ich den Text und lernte so mein erstes Deutsch. Dass die Sprache Richard Wagners dabei eine nicht ganz heutige war, war mir nicht bewusst und ich redete etwas antiquiert, was meine Schulkameraden erheiterte. Mich hat das alles fasziniert, die Geschichte vom bleichen Seemann und der treuen Senta, die graue Ostsee, die Kapitänshäuser. Alles ergab ein stimmiges Ganzes und ich war angekommen.
Danach inszenierte der Berliner Regisseur Heinz Runge eine bemerkenswerte Turandot, mit meiner Mutter in der Titelpartie. Kein China-Märchen, keinen Kitsch, sondern eine puristische Brecht-Bühne mit zeichenhaften Kostümen in drei Farben: Schwarz, Rot, Weiß. Ich war erst zehn oder elf Jahre alt und wusste: Das ist es. So kann man aus einer vollkommen weltfremden Geschichte spannendes Theater machen und auf der Bühne eine eigene Welt schaffen.
Nach der Schule verpasste ich keine Probe. Nach diesem einschneidenden Erlebnis stand für mich schon sehr früh die Entscheidung fest: Ich möchte Regisseurin werden.

Ihre Kindheit hinter den Kulissen hätte auch das Gegenteil bewirken können, nämlich, dass Sie bewusst einen anderen beruflichen Weg wählen. Stand das jemals zur Debatte? 
Vera Nemirova: Nein. Das Theater ist für mich mehr als ein beruflicher Weg. Es ist eine ganz bewusste Entscheidung. Mit meinen Eltern, die beide am Theater waren, bin ich oft umgezogen. Was jedoch immer Heimat war, war die Welt hinter den Kulissen. Als Theaterkind wird man früh „rumgereicht“. Als ich 14 war, übte mit mir der Schauspieldirektor die Balkonszene aus Romeo und Julia, Kammersängerin Christiane Less gab mir erste Gesangsstunden und Falk von Wangelin sah sich persönlich meine Mappe an, um herauszufinden, ob ich nicht doch lieber Bühnenbild studieren sollte.
Das ist eine sehr alte Tradition, die in den Theater- und Zirkusfamilien lebt und die das Überleben der Zunft sichert! Das habe ich zu schätzen und zu lieben gewusst.
Ich habe dann bereits mit 18 an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin Musiktheaterregie studiert. Der Weg war vorgezeichnet.

Welche waren danach Ihre wichtigsten Stationen? Gibt es einen Ort, den Sie heute als Zuhause erleben?
Vera Nemirova: Gleich nach dem Studium bei Ruth Berghaus und Peter Konwitschny war es die Semperoper Dresden, wo ich 1998 meine erste eigene Regiearbeit machte. Ich bin dem Haus bis heute verbunden, in diesem Jahr bringe ich dort Don Carlo zur Premiere. In Wien inszenierte ich 2002 meine erste große Arbeit, Gräfin Mariza an der Volksoper, und fünf Jahre später in der Staatsoper Piqué Dame und Macbeth. Danach kam ein Ruf von der Oper Frankfurt: Wagners Tannhäuser und 2010-13 der Ring, was für mich eine großartige Zeit war. Darüber hinaus inszenierte ich an der Deutschen Oper Berlin (La fanciulla del West von Puccini und Meyerbeers Afrikanerin) sowie an den Staatsopern in Berlin und Prag, an der Oper Bonn, in der Schweiz in Luzern, Basel und St. Gallen, aber auch am Staatstheater Mainz, Theater Bremen, Theater Magdeburg, DNT Weimar und Theater Erfurt. Bei den Salzburger Festspielen im Sommer und Ostern habe ich drei Mal gearbeitet sowie einige Inszenierungen in meiner Heimat Bulgarien, in Südkorea und in China zur Aufführung gebracht.
Ich lebe in Berlin, aber mein Zuhause ist immer dort, wo es ein funktionierendes Theater gibt. Daneben ist es mir wichtig, alte Freundschaften zu pflegen und in der Natur zu leben. Ich liebe es auch, Kinder für das Theater zu begeistern, mit ihnen Puppentheater zu machen, Modelle zu basteln, Geschichten zu erfinden.

Welchen Blick haben Sie heute auf den Theaterbetrieb?
Vera Nemirova: Das Theater ist, wie die Welt, ständigem Wandel unterworfen.
Es entwickelt sich immer weiter. Ästhetisch und inhaltlich reagiert das Theater auf die Wirklichkeit. Es zeigt die Spannung zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft in aller Lebendigkeit. Gerade deshalb ist es wichtig, nicht auf den Marktwert einer Aufführung zu schauen, sondern auf ihre inhaltliche Relevanz. Und dabei Begabungen zu entdecken und zu fördern, in einer Stadt ein Ensemble zu etablieren und nicht Stars und Sternchen zu präsentieren. Das war für mich seit meinen Anfängen die Kraft und Stärke eines Hauses wie des Volkstheaters Rostock. 
Worum wir heute bangen müssen sind Existenzen, Kürzungen von Etats, Abbau von Sparten, Auflösung ganzer Klangkörper und Ensembles bis hin zu Schließungen von Theatern. Stellt sich die Frage nach der Systemrelevanz von Kunst und Kultur, stimmt etwas nicht mit der Gesellschaft.

Worauf freuen Sie sich besonders, wenn Sie an den Ursprung und zu den Wurzeln Ihrer Karriere zurückkehren?
Vera Nemirova: Auf die Verbundenheit mit den Menschen am Theater und auch auf die Begegnungen mit den neuen Ensemblemitgliedern.