Kein Schlussstrich!

Ein bundesweites Theaterprojekt zum NSU-Komplex / 21. Oktober - 7. November 2021
Am 25. Februar 2004 wurde Mehmet Turgut in einem Imbisswagen im Neudierkower Weg in Rostock-Toitenwinkel von Neonazis des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordet. Die Mordserie des NSU wurde nach dem Öffentlichwerden im Jahr 2011 in Teilen der Gesellschaft als einzigartiges Phänomen rechter Gewalt wahrgenommen. Doch lässt sich heute nicht leugnen, dass die Verbrechen des NSU als Ausdruck eines wiedererstarkten rassistischen, antisemitischen und sich auf vielfache weitere Arten ausdrückenden menschenverachtenden Denkens und Handelns gelesen werden müssen. Heute, zehn Jahre später, sind die Hintergründe des NSU-Komplex immer noch unklar: Die Fragen nach den Verstrickungen behördlicher Organe, nach Mitwisser- und Mittäterschaft sind – trotz des langjährigen Prozesses – nach wie vor nicht befriedigend beantwortet.

Die Morde an Enver Şimşek (2000), Abdurrahim Özüdoğru (2001) und İsmail Yaşar (2005) in Nürnberg, Habil Kılıç (2001) und Theodoros Boulgarides (2005) in München, Süleyman Taşköprü (2001) in Hamburg, Mehmet Turgut (2004) in Rostock, Mehmet Kubaşik (2006) in Dortmund, Halit Yozgat (2006) in Kassel und Michèle Kiesewetter (2007) in Heilbronn sowie weitere Überfälle und Anschläge, wie beispielsweise 2001 und 2004 in Köln, stehen nicht nur stellvertretend für die unzähligen Fälle rechtsextremer und rassistischer Gewalt in Deutschland nach 1945. Sie sind Sinnbild für das Wegsehen, die fehlende Empathie mit den Angehörigen, das Verdrängen, den fehlenden Aufklärungswillen und falsche Verdächtigungen. Sie sind auch Sinnbild für den massiven Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und Sicherheitsbehörden. Die Liste mit offenen Fragen zum NSU-Komplex ist lang.

Auf Initiative von Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur in enger Zusammenarbeit mit der Kuratorin Ayşe Güleç, den Dramaturgen Tunçay Kulaoğlu und Simon Meienreis sowie dem Soziologen Matthias Quent hat sich ein Kooperationsnetz von Theatern und Institutionen aus 15 Städten zusammengeschlossen, um gemeinsam das interdisziplinäre Theaterprojekt Kein Schlussstrich! zu realisieren – mit dem Anliegen, die Taten und Hintergründe des NSU künstlerisch zu thematisieren. Dabei sind: Chemnitz, Dortmund, Eisenach, Hamburg, Heilbronn, Jena, Kassel, Köln, München, Nürnberg, Plauen, Rostock, Rudolstadt, Weimar und Zwickau.

Mit Inszenierungen, Ausstellungen und musikalischen Aktionen im öffentlichen Raum, Lesungen, Diskussionen und Workshops bringt Kein Schlussstrich! die Perspektiven der Betroffenen in den Fokus der Öffentlichkeit und stellt die notwendige Aufmerksamkeit für die Auseinandersetzung mit dem institutionellen und strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft her.
Weitere bisherige Förderer sind die Bundeszentrale für politische Bildung, die Innovationsförderung der Stadt Jena, die Staatskanzlei Thüringen, das Kulturreferat der Stadt München, die Stadt Nürnberg, die Behörde für Kultur und Medien Hamburg, das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, die GLS Treuhand Dachstiftung für Individuelles Schenken, die Impulsregion Erfurt Weimar Jena, die Initiative The Power of the Arts der Philip Morris GmbH, die Rudolf-Augstein-Stiftung, das Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz sowie die mitwirkenden Theater und Institutionen als Träger des Projekts.

Das Programm in Rostock

Ausstellung: Offener Prozess
18.-31.10.2021 / MI-SO 15:00-18:00 Uhr / Zukunftsladen von STERN.macht.PLATZ (Albert-Schweitzer-Straße 24, 18147 Rostock)
01.-14.11.2021 / MO-SO 15:00-18:00 Uhr / Peter-Weiss-Haus (Dberaner Straße 21, 18057 Rostock)
Eintritt frei
Die Ausstellung Offener Prozess nimmt die ostdeutsche Realität zum Ausgangspunkt, um eine Geschichte des NSU-Komplexes zu erzählen, die von den Migrationsgeschichten der VertragsarbeiterInnen und den Kontinuitäten rechter und rassistischer Gewalt und des Widerstandes dagegen ausgeht. Mit dem Ansatz eines lebendigen Erinnerns rückt sie marginalisierte Perspektiven in den Mittelpunkt und nimmt strukturellen und institutionellen Rassismus ins Visier.

Die Beiträge der Ausstellung widmen sich den Lebensrealitäten von GastarbeiterInnen, Migrationsgeschichten, dem Alltag in Deutschland und der rechtsterroristischen Gewalt. Aktivistische Initiativen erinnern an diejenigen, die Opfer dieser Gewalt geworden sind, und geben denen eine Stimme, die sich dagegen zur Wehr setzen. Zuhören wird hier als politische Praxis verstanden, Erinnern als Prozess. Die Ausstellung fordert zum Handeln auf.

Zusätzlich ist die Wanderausstellung Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen zu sehen, die sich in drei Teilen den Biografien der Mordopfer, dem Netzwerk des NSU und der Perspektive der Opfer von rassistischer Gewalt widmet.

Projekttag zur Ausstellung

Für Jugendgruppen (ab 15 Jahren) oder Schulklassen ab der 9. Klasse
Umfang: 6 Zeitstunden (inklusive Pausen)
Die Teilnahme an den Projekttagen ist kostenlos.

Buchung, Informationen und Nachfragen:
j.henningsen(at)soziale-bildung.org
www.soziale-bildung.org
Gedenkspaziergang
21.10.2021 / 19:00 Uhr / Ortsamt Ost / Gedenkstätte Mehmet Turgut / Zukunftsladen
Eintritt frei
Am 25. Februar 2004 wurde Mehmet Turgut im Neudierkower Weg in Rostock-Toitenwinkel ermordet. Ein ausländerfeindliches Tatmotiv wurde von Seiten der ermittelnden Behörden bereits eine Woche nach seinem Tod ausgeschlossen. Dass Neonazis des Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) den jungen Mann erschossen hatten, wurde erst sieben Jahre später öffentlich bekannt.

Am zehnten Todestag im Jahr 2014 wurde am ehemaligen Tatort die Gedenkstätte eingeweiht. 2018 nahm der NSU Untersuchungsausschuss in Mecklenburg-Vorpommern seine Arbeit auf, um die schmerzenden offenen Fragen zu klären.

„Mein Bruder wurde aus dem Leben gerissen, ohne etwas getan zu haben. Wir wünschen uns, dass wir Antworten bekommen“, sagte Mustafa Turgut im April 2021 vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im Schweriner Landtag. Noch immer sind zu viele Fragen unbeantwortet, es kann keinen Schlussstrich geben.

Die Rostocker Auftaktveranstaltung des bundesweiten Projekts Kein Schlussstrich! bringt in Form eines Gedenkspaziergangs Akteure des zivilgesellschaftlichen Engagements und der Politik zusammen und bietet beim gemeinsamen Besuch der Ausstellung Offener Prozess den Raum für Begegnung und Dialog.

Startpunkt am Ortsamt Ost (Jawaharlal-Nehru-Straße 33, 18147 Rostock).
Manifest(o) - Ein polytopisches Oratorium von Marc Sinan
Marc Sinans polytopisches Oratorium Manifest(o) (türkisch für Manifest) vereint sieben an Schlüsselorten der Taten des NSU aufgeführte Einzelperformances in einem abendfüllenden Werk. Aus einzelnen Stimmen entsteht Manifest(o) als grenzüberschreitendes, Geschichte und Orte verbindendes Werk mit Orchester, Chören und SolistInnen. Negative Energien der Verbrechen werden aufgenommen, Grundfragen von Vergeltung und Neuanfang diskutiert und in einer ethischen Utopie verarbeitet.

Das Oratorium Manifest(o) und die sieben Einzelperformances finden dabei stets gleichzeitig an verschiedenen Orten statt und sind digital miteinander verbunden.

Die Anwesenheit des Menschen / İnsanin Varliği - Ritual der Rebellion - Percussionperformance

28.+31.10.2021 / 19:00 Uhr / Toitenwinkler Stern / Sternplatz Rostock-Toitenwinkel
07.11.2021 / 19:00 Uhr / Theatervorplatz
Eintritt frei
Mit Daniel Eichholz, Christian Kuzio und Rostocker Jugendlichen

Was tun Menschen, wenn sie wahrgenommen, erinnert werden wollen, wenn sie etwas zu sagen haben, aber nicht gehört werden und ihnen die Stimme fehlt? Viele bleiben stumm, andere haben jedoch die Kraft, sich friedlich hörbar zu machen. In Spanien und der Türkei hat das Klappern mit Topfdeckeln eine lange Tradition in der Protestbewegung.

Jugendliche aus Rostock entwickeln in Workshops gemeinsam mit dem Schlagzeuger und Percussionisten Daniel Eichholz, dem Musiker Christian Kuzio und der Tanzcompagnie des Volkstheaters eine kollektive Performance als akustische Rebellion. Sie bauen Instrumente aus Schrott und erarbeiten rhythmisches Material. In der großen gemeinsamen Performance auf dem Toitenwinkler Stern bzw. dem Theatervorplatz bekommen lauter Widerstand und klingende Träume einen Raum und eine Stimme.

Die Erarbeitung der Performance findet in Workshops mit Rostocker Jugendlichen statt.

Herbstferienworkshop - für Jugendliche ab 15 Jahren

04.-08.10.2021 / Twinkelhus SBZ-Toitenwinkel
Proben- und Aufführungstermine:
27.+28.+31.10. / 07.11.2021
Anmeldung und weitere Informationen: erik.raab(at)rostock.de
www.soziale-bildung.de
In Zusammenarbeit mit Soziale Bildung e.V. / Zukunftsladen von STERN.macht.PLATZ / Twinkelhus SBZ-Toitenwinkel
Kein Schlussstrich! - Wie erinnert Rostock? - Ein Gespräch
01.11.2021 / 19:30 Uhr / Peter-Weiss-Haus
Eintritt frei
Mit Seyhmus Atay-Lichtermann (Vorsitzender Migrantenrat Rostock), Mai-Phuong Kollath (Coach und interkulturelle Beraterin, Zeitzeugin), Dr. Peer Stolle (Rechtsanwalt, Nebenklagevertreter im Münchner NSU-Prozess)

Das rassistische Pogrom im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen ist Ausdruck der nationalistischen Stimmung zu Beginn der 1990er-Jahre in der Bundesrepublik Deutschland. Der Mord an Mehmet Turgut am 25. Februar 2004 in Rostock-Toitenwinkel ist Teil der Tatserie des NSU, die erst 2011 öffentlich wurde. Können diese Ereignisse als Kontinuitäten rechter Gewalt gelesen werden? Wie sind die Taten im kollektiven Gedächtnis der Rostocker Stadtgesellschaft verankert?

Im historischen Spannungsfeld vom Ende der DDR, Rostock-Lichtenhagen und dem NSU-Komplex begibt sich die Gesprächsrunde in das Themenfeld der Aufarbeitung und des Erinnerns am Beispiel Rostocks.
Gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten für Kultur und Medien im Rahmen von Neustart Kultur.
Life Letters 2 - Tanztheater mit Erzählungen von Migrantinnen
03.11.2021 / 19:00 Uhr / Twinkelhus SBZ Toitenwinkel (Olof-Palme-Straße 26, 18147 Rostock)
Tänzerinnen & Tänzer der Tanzcompagnie des Volkstheaters / Choreografie
Natalie Shults / Video
Katja Taranu / Gesamtleitung
Mit Miriam Kaya, Linda Kuhn, Katharina Platz, Anton Shults, Antonio Spatuzzi, Flurin Stocker

Die Tanzcompagnie des Volkstheaters hat über das Frauenbildungsnetz Kontakt zu neun Frauen aufgenommen, die als Migrantinnen nach Rostock gekommen sind und hier leben. Was haben sie von ihren Erlebnissen und ihren Lebenserfahrungen mitzuteilen? In Videosequenzen werden Momente ihres Alltagslebens eingefangen, nimmt das Publikum Anteil an ihren Gedanken und Gefühlen sowie an ihren Begegnungen mit Tänzerinnen und Tänzern der Compagnie. Diese treten aus dem Video heraus und setzen die Situationen in einer Live-Performance fort, übersetzen die Mitteilungen der Frauen in Bewegung und Tanz.
Sonnenblumenhaus - Szenische Lesung des Dokumentarischen Theaterstücks von Dan Thy Nguyen
06.11.2021 / 20:00 Uhr / Ateliertheater
9 € / 6 € (ermäßigt)
Dan Thy Nguyen / Szenische Einrichtung
Es lesen SchauspielerInnen des Volkstheater Rostock

Im August 1992 belagerten hunderte Neonazis und tausende AnwohnerInnen tagelang die Zentrale Aufnahmestelle für
Asylbewerber und einen angrenzenden Wohnblock ehemaliger vietnamesischer VertragsarbeiterInnen in Rostock-Lichtenhagen. Über Tage heizte sich die Stimmung auf, ohne dass die Polizei nennenswert intervenierte. Schließlich flogen Brandsätze und die Gebäude wurden gestürmt.

Der Theatertext Sonnenblumenhaus dokumentiert basierend auf ZeitzeugInnenausagen das größte rassistische Pogrom der deutschen Nachkriegsgeschichte, nimmt die Perspektive der Überlebenden ein, und gibt ihrer Version der Geschichte, ihren Lebenserfahrungen und Träumen eine Stimme.

Aus transkribierten Interviews erarbeitete Autor und Regisseur Dan Thy Nguyen das Theaterstück, welches 2014 im damaligen Hamburger Museum für Völkerkunde uraufgeführt und ein Jahr später als Hörspiel veröffentlicht wurde.

Im Rahmen von Kein Schlussstrich! wird dieser Text in Form einer szenischen Lesung in Rostock hörbar.
Im Anschluss findet ein Nachgespräch statt.
In Zusammenarbeit mit