Foto: Stefan Geiger

In vielen musikalischen Welten zu Hause

Der Hamburger Dirigent Stefan Geiger lebt in Brasilien – im 5. Philharmonischen Konzert präsentiert er Französisches
Stefan Geiger, Generalmusikdirektor am Teatro Guaira und Chefdirigent des Orquestra Sinfônica do Paraná im brasilianischen Curitiba, begann seine musikalische Laufbahn als Soloposaunist an der Bayerischen Staatsoper in München und anschließend im NDR Elbphilharmonie Orchester in Hamburg. Jedoch wechselte er später ans Dirigentenpult und startete eine internationale Karriere. Derzeit pendelt er zwischen Hamburg und Brasilien.

Sind die musikalischen Welten in Norddeutschland und Südamerika sehr unterschiedlich?
Stefan Geiger: Natürlich sind beide Regionen Teil unserer globalisierten Welt, doch muss ich zugeben, dass es zwei Dinge gibt, die mich in Brasilien immer wieder berühren. Zum einen ist es die Begeisterung für das Spektakel Orchester an sich. Dazu kommt, dass einige Werke des sogenannten Kernrepertoires hier überraschenderweise manchmal wie Uraufführungen behandelt werden. Das gibt uns Ausübenden tatsächlich eine besondere Motivation: eine spezielle Verantwortung gegenüber dem Komponisten, aber gleichzeitig auch eine freiere Hand was Interpretationstraditionen anlangt. Zum zweiten ist die Applauskultur in Südamerika eine gänzlich andere: Bei meinem ersten Konzert war ich vollkommen baff darüber, dass ein kompletter Saal mit circa 2.500 Menschen Sekunden nach dem letzten verklungenen Ton in die Höhe schnellte und dem Orchester stehend applaudierte. Ebenso überrascht war ich aber auch (und ich muss noch heute Schmunzeln, wenn ich daran denke, wie mein Gesicht wohl ausgesehen haben mag), dass – als ich nach einem ersten Abgang wie gewohnt auf die Bühne zurückkam, sich kaum noch eine Hand regte und das Publikum – ebenso erstaunt wie ich – so freundlich war, dem wiedergekehrten deutschen Dirigenten ungewöhnlicherweise dann doch noch etwas länger Applaus zu spenden …

Das von Ihnen geleitete Konzert, welches zugleich der Philharmonische Auftakt im neuen Jahr ist, steht unter dem Titel Ganz französisch?. Was ist ihr persönlicher Bezug zu Frankreich und zur französischen Musik?
Stefan Geiger: Das hängt mit meiner Verehrung der französischen Musik, besonders der Epoche des Impressionismus, zusammen. Die Farbenpracht, die die großen französischen Meister im Orchester entfalten, ist einzigartig und gilt es, auch für kommende Komponistengenerationen zu bewahren.

Bei Jacques Ibert und Maurice Ravel handelt es sich um zwei französische Komponisten aus dem 20. Jahrhundert. Was schätzen Sie an deren Musik, besonders an den vier Kompositionen des Programms?
Stefan Geiger: Im Rostocker Konzert versuchen wir, Ravels Kosmos mit drei recht unterschiedlichen Werken nachzuspüren: dem berühmten Boléro mit seinen ungewöhnlichen und ausschweifenden Farben, die er aus einem riesigen Orchester schöpft, dem zarten und poetischen Ma mère l´oye und dem quirligen, virtuos-jazzigen Klavierkonzert in G. Zu Iberts Divertissement bin ich durch meine persönliche Leidenschaft für Stummfilmbegleitungen gekommen: War doch Iberts Musik von ihm ursprünglich als musikalische Begleitung des Stummfilms Un chapeau de paille d’Italie, einer frechen, französischen Filmkomödie aus den zwanziger Jahren von René Clair, gedacht.
Der wunderbare Humor, der sich auf das solistisch besetzte Ensemble zu übertragen scheint, ist etwas, auf dass wir uns sehr freuen können.