Theater in Rostock - wie alles möglicherweise begann

Von Antje Jonas
In der griechischen und römischen Antike war die Theaterwelt noch in Ordnung, denn sie befand sich in schönem Einklang mit der antiken Polis, mit den damaligen Herrschaftsformen und der Religion. Selige Zeiten, wird manch einer denken…  doch die Frauenrechte waren noch nicht erfunden, von den Sklaven und dem Sklavenhandel nicht zu reden. Und von den Gladiatorenkämpfen auf Leben und Tod auch nicht.

Mit Beginn des Mittelalters im 4. und 5. Jahrhundert veränderte sich die europäische Gesellschaft.  An der Warnow allerdings war noch nichts los. Das Land gehörte sich selbst; Wälder überdeckten das große menschenleere Gebiet. Die wenigen ansässigen Germanen würden alsbald weiterziehen, die Slawen waren noch nicht gekommen. Doch anderenorts… Das Christentum war weiter südlich bereits auf dem Weg der Machtentfaltung und Machterhaltung. Es setzte dabei auf die klösterliche und die Allgemeinheit normierende Kontemplation statt auf antike Öffentlichkeit; es setzte auf das belehrende und zähmende Wort statt auf das als gewalttätig und obszön empfundene Zeigen mit seiner Physis. Heilige oder gar Maria und Christus körperlich darzustellen war im Wortsinne undenkbar. Theaterleere Zeiten…  vermutlich. Allein der Klerus entschied ja, da er als einzige Bevölkerungsgruppe lesen und schreiben konnte, was an Schriften und Dokumenten kopiert oder verbannt wurde. So fehlen für viele Orte und lange Jahrhunderte die Theater-Aufzeichnungen, die es möglicherweise ja doch vereinzelt gegeben haben könnte.

Für die Stadt Rostock beginnt die Theatergeschichte ohnehin erst im Spätmittelalter. Im Jahr 1218 wird der schon bestehenden Siedlung mit ihren slawischen und deutschen Bewohnern das Stadtrecht bestätigt. Wie müssen wir uns das Theaterleben im 13. und bis zum 15. Jahrhundert vorstellen? Gesicherte Tatsache ist, dass im Falle von geistlichen und öffentlichen Spielen es in den allermeisten Fällen Laien  waren, die als Darsteller fungierten, und immer waren es Männer. Wohl erst im 16. Jahrhundert tauchten die ersten Frauen auf den Plätzen und Bühnen auf. Was aber wurde gespielt, wo wurde gespielt? Spannende Fragen, die sich infolge der Dokumentenlage nur allgemein-bildlich beantworten  lassen. Es gab im besagten Zeitraum in deutschen Landen geistliche und durchaus auch weltliche Spiele. Zu den geistlichen Spielen gehörten die Oster- und Passionsspiele, die in lateinischer Sprache vom Klerus aufgeführt wurden. Immer ging es dabei um das Leiden und Sterben Christi, um die Geschichte der Auferstehung. Hat es in Rostock wie nachweisbar in Redentin (Mysterienspiel von 1464) solche Aufführungen in den Kirchen gegeben? Wer schaute zu, die einfachen Rostocker? Die verstanden zwar kein Latein, doch waren sie möglicherweise bezaubert von der Magie des Dargestellten. Oder blieb der Klerus doch lieber unter sich? Wie lange dauerte eine solche liturgisch-theatralische Aufführung? Wann veränderten sich Nuancen in der Darstellung? Wir wissen dies alles nicht, doch auszuschließen sind die geistlichen Spiele in der sich schnell entwickelnden Hansestadt nicht! Die Kirche beherrschte neben dem Rat die Stadt, baute backsteinerne Giganten, wurde reich. Das Stadtvolk lebte seinen Glauben, den an Jesus Christus und die Unsterblichkeit der Seele, der in einem entbehrungsreichen und oftmals nur kurzen Leben Trost und Gewissheit bot.

Das Volk entwickelte im Spätmittelalter eine andere, nicht geistlich gebundene Theatralik und unterschied sich damit vermutlich auch absichtsvoll nicht nur vom Klerus, sondern auch von den Höfen der Adligen mit den dort aufwändig inszenierten Festen, dem dort gepflegten höfischen Tanz, den Maskenspielen und dem Minnegesang. Rostock, daran sei erinnert, hatte immer adlige Herren, mit denen die Stadt in ununterbrochener Fehde lag. Es soll ja mehrere adlige Höfe in der Stadt gegeben haben. Konnten die Rostocker die festliche Musik hören, die aus den Fenstern der Adelshöfe oder Burgen drang? Im Mai des Jahres 1311 konnten die Rostocker vor den Toren der Stadt übrigens in der Tat ein originales mittelalterliches Ritterturnier erleben. Es soll ein märchenhaftes Spektakel gewesen sein. Echte Ritter, bunte Zelte mit Fahnen, Wein und Bier im Überfluss, Musik allerorten…

Eine zunehmend weltlicher agierende theatralische Sphäre entstand also vor den Kirchen, auf den Marktplätzen. Diese Entwicklung begann vermutlich mit den Mysterienspielen;  die Fastnachtsspiele und die Moralitäten folgten im 15. Jahrhundert. Gab es das alles auch in Rostock? Warum nicht! Rostock war mächtige Hansestadt und rangierte eine Zeitlang auf Platz zwei hinter Lübeck! Dann hätten wir uns die Mysterienspiele zunächst noch in den Kirchen vorzustellen; es wurden Szenen um die Grablegung und Auferstehung Christi gesprochen und gespielt. Wurden wie andernorts auch andere Figuren wie Herodes oder Maria Magdalene eingeführt und sogar, wie in anderen mittelalterlichen Städten, komische Passagen wie ein Wettlauf der Apostel gezeigt? Haben die Rostocker des Spätmittelalters die Mysterienspiele dann vor den Kirchen auf den drei Marktplätzen in niederdeutscher Sprache erlebt? Haben sie gelacht über die derben Einlagen und geklatscht? Wie viel mussten sie den fahrenden Truppen, den ersten Berufsschauspielern, bezahlen, die möglicherweise alljährlich zum Pfingstmarkt kamen und vom Klerus garantiert kritisch beäugt wurden? Oder übernahmen doch lieber und vorsichtshalber die Handwerker der großen Zünfte, in Rostock Ämter genannt, die Darstellung der Figuren der Mysterienspiele? - Die Pest als große Geißel des Mittelalters und als Strafe Gottes empfunden, ließ  damals auch die sogenannten Totentänze entstehen. Getanzt wurde allerdings nicht; vielmehr wurden schaurigen Dialoge zwischen dem allegorisch dargestellten Tod und den Menschen gesprochen. Der Tod war zu jener Zeit allgegenwärtig, seine Macht über die Menschen war offensichtlich.  In allen Städten war das so, warum nicht auch in Rostock? Heute kennen wir die Totentänze vor allem aus der mittelalterlichen Malerei. Die Totentänze sind übrigens nicht zu verwechseln mit der mittelalterlichen Tanzwut.

Bleiben die Fastnachtsspiele. Die hat es in Rostock mit großer Wahrscheinlichkeit gegeben. Denn der Brauch, als Handwerkergeselle vor Beginn der Fastenzeit  von Haus zu Haus zu ziehen und die Leute zu belustigen, war im 15. Jahrhundert bekannt und deutschlandweit verbreitet. Die reiche Hansestadt Rostock aber besaß nun durchaus viele Häuser im Schutzring ihrer bis zu sieben Meter hohen Stadtmauer; der Hafen und der Fernhandel brachten viele Zünfte hervor: die Böttcher, die Träger, die Schuster, die Bäcker, die Grapengießer und viele andere. Die jungen Leute, darunter auch Studenten der hiesigen Universität, werden es genossen haben, mit ihren Liedern und Reimen die Bürger zu unterhalten und zu erschrecken. Es gab noch keine Bühne, kein festes Repertoire, und doch entwickelte sich aus diesem bunt-derben Treiben  als Teil des allgemeinen Frohsinns  am Vorabend des Fastens etwas, was wir heute als Beginn des bürgerlichen Theaters bezeichnen können. Das 15. Jahrhundert war in vollem Gange; die Bürger Rostocks könnten ein ums andere Mal nun schon einstudierte Inszenierungen samt  noch vielfach vorhandenen Improvisationen auf einer Bretterbühne erlebt haben. Aus den Fastnachtsspielen hatten sich Stücke, erste Dramen in Versform entwickelt, die einzelne Berufe und Personen auf die Schippe nahmen und in denen es derb-komisch zuging. Das liebten die Leute damals besonders, das liebten gewiss auch unsere Altvorderen.

Der Weg führt weiter  ins 16. Jahrhundert und damit in die unruhigen Zeiten der Reformation. Bleiben Sie neugierig. Fortsetzung folgt…