Lateinisches Schuldrama und deutschsprachiges Lustspiel

Von Antje Jonas
Die Reformation, die im Jahr 1517 in Wittenberg eingesetzt hatte, gelangte einige Jahre später auch nach Rostock. Die Ereignisse um den Rostocker Reformator Joachim Slüter erfuhren nicht zuletzt dank des Rostock-Krimis des Rostocker Autors Frank Schlösser im letzten Jahr erneut und auf spannende Weise eine Vergegenwärtigung. Ab 1531 war Rostock eine protestantische Stadt.

Nur drei Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers wurde in Rostock auf dem Neuen Markt ein geistliches Theaterspiel gegeben. Auch wenn mit der Reformation die Renaissance oder frühe Neuzeit einsetzen sollten, die Rostocker jener Jahre waren noch fest im alten Glauben verwurzelt. Sie lebten in ihren aus dem Mittelalter kommenden Traditionen. Der Alltag war wenig dynamisch. Für die meisten Altvorderen galt: Wer in Rostock geboren wurde, starb hier auch. Ausnahmen bildeten immerhin die Studenten und Gesellen, Kleriker sowie die Fernkaufleute und Seeleute. Die Stadtgesellschaft war traditionell geprägt und so blieben auch die im ersten Aufsatz aufgeführten Theaterformen noch weiter gültig.  

Am 22. Juli 1520, einem Sonntag, dem Tag der Schmerzen Mariä, ging daher mal wieder ein ... schönes, frommes ... Spiel, vom Zustand der Welt und von den sieben Altersstufen des Menschen ... über die Bretterbühne. Hoffen wir es mal, denn der Ankündigung war handschriftlich hinzugefügt worden, dass man auf dem Neuen Markt nur bei gutem Wetter spielen würde, oder wie der Schreiber sich damals ausdrückte: Wofern sich das Wetter zur Klarheit schicken wird. Mit dieser Ankündigung dieses geistlichen Spiels liegt nun aber der erste erhaltene, gedruckte deutsche Theaterzettel vor! Das Rostocker Stadtarchiv verwahrt damit ein ganz besonderes Dokument der deutschen und der Rostocker Theatergeschichte. Die besagte Zettel-Ankündigung gab den Inhalt des Spiels sehr genau wieder und reagierte damit sicher auf die argwöhnische Kirche, die das Theater im öffentlichen Raum gar nicht mochte.

Eine Theaterpraxis aber schätzte die katholische Kirche durchaus: das Schuldrama. In lateinischer Sprache an den Universitäten, Lateinschulen und in kirchlichen Räumen aufgeführt, sollten die Laiendarsteller mittels dieser Textaufführungen ihr Latein verbessern und natürlich rechtes Verhalten lernen. Die Stoffe stammten oft aus der Antike; die meisten Dramen wiesen schon eine Einteilung in mehrere Akte auf. Die Schuldramen, die nach und nach die Passionsspiele ersetzten, wurden dann auch von den Humanisten und von Luther als überaus nützlich eingeschätzt und eingesetzt. Man konnte mittels dieser Dramen wie auch mittels der Flugblätter und Druckschriften die protestantischen Botschaften effektiv verbreiten. Oft gewähltes Thema war die Geschichte vom verlorenen Sohn. Auch die reformatorische Kernaussage, dass die Menschen nur durch die Gnade Gottes, nicht aber durch Werkgerechtigkeit gerechtfertigt seien, wurde immer wieder thematisiert. Die Aufführungen von Schuldramen sind für Rostock anzunehmen. So sind immerhin  Dokumente erhalten geblieben, die für 1558 eine Aufführung der Tragoedia  Agamemnosis  (Tragödie von Aischylos) belegen. Doch wer verstand genügend Latein, um die Texte der Schuldramen zu verstehen?  

Die hingegen in deutschen Dialekten aufgeführten Fastnachtsspiele als Form weltlichen und volksnahen Theaters fanden mit den Stücken von Hans Sachs (1494-1576) ihren Höhepunkt. In Nürnberg hatten bereits 1550 begeisterte Handwerker das erste Theatergebäude Deutschlands erbaut. In England schickte sich ein Schauspieler und Autor namens William Shakespeare an, sein Welttheater zu etablieren. Die ersten englischen Wandertruppen reisten quer über den Kontinent und kamen auch nach Deutschland. Sie spielten Stücke von Shakespeare und Marlowe. Deutschland exportierte im Gegenzug das 1587 in Frankfurt erschienene Volksbuch über Dr. Faustus nach England; dort wurde es von Christopher Marlowe dramatisiert. In Rostock merkte man von alldem Theateraufbruch vermutlich gar nichts. So endete an der Warnow das dramatische Reformationsjahrhundert in Sachen Theater wohl eher beschaulich, so wie es begonnen hatte: mit geistlichem und weltlichem Theater. Zur Theatergeschichte dieses Jahrhunderts gehört schließlich noch, dass es mit der einsetzenden Gegenreformation vor allem die Jesuiten waren, die mit dem sogenannten Jesuitendrama zu Buße und Umkehr aufriefen. Sie setzten dabei auf das Wort und eine reiche Theatralik. War das in Rostock auch so?

Das Jahr 1601 steht am Beginn des 17. Jahrhunderts und zeigt wieder ein dokumentiertes Ereignis der hiesigen Theatergeschichte. Albert Wichgreve (auch Wichgrevius oder Wichgref) veröffentlichte einen lateinischen Text über einen verbummelten Studenten, genannt Cornelius Relegatus. Es wird mehrere Aufführungen gegeben haben. Die Kirche und gelegentlich auch der jeweilige Rektor der Rostocker Universität waren dann verlässlich zur Stelle, um die kernigen Aufführungen zu kontrollieren oder gar zu verbieten. Oft genug hatten sie damit Erfolg. Das Stück über den Bummelstudenten wurde nur wenige Jahre später ins Deutsche übersetzt und noch 1757 von Johann Chr. Gottsched zu den besten deutschen Bühnentexten gezählt!

Man spielte damals oft im Refektorium des St.-Johannis-Klosters, und als dieses ausgedient hatte, errichteten die Rostocker an Ort und Stelle ein Ballhaus. Doch das stürzte gleich wieder ein. Der zweite Bau wurde 1624 eingeweiht und hielt dann mehr als 100 Jahre. Auch im Hornschen Hof wurde Theater gespielt. Der Dreißigjährige Krieg hatte begonnen; den Rostockern sollte das Lachen alsbald vergehen. Nach dem Stadtbrand 1677 verlor die Stadt, die zudem auch keine Hansestadt mehr war, weiter an Bedeutung und sank für Jahre in die Bedeutungslosigkeit einer glanzlosen Provinzstadt. Wandertruppen aber kamen unverändert nach Rostock, so vermutlich in den Jahren 1666 und 1697.

Erst im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter des Barock, nahm das Rostocker Theaterleben einen bemerkenswerten Aufschwung. Doch das ist eine andere Geschichte.