Juri Sternburg und León S. Langhoff

Man lernt sich irgendwie neu kennen

Bei der Arbeit an „Utopie 3: Öffne dein Herz, ich will den Champagner kaltstellen“ begegnen sich die Brüder Juri Sternburg und León S. Langhoff als Autor und Regisseur.
Sie sind Brüder mit sieben Jahren Altersunterschied. Gibt es gemeinsame Erinnerungen an Ihre Kindheit, Highlights, von denen Sie gern erzählen, die Sie geprägt haben? Und hat jeder von Ihnen sein eigenes Ding gemacht oder waren Sie auch gemeinsam unterwegs?
León S. Langhoff: Ja, natürlich gibt es da eine Menge gemeinsamer Erinnerungen. Viele sind Highlights und einige weniger. Ich halte ihm bis heute immer wieder gerne vor, dass er mich mal in eine Mülltonne gesperrt hat, als ich ihm und seinen Freunden zu sehr auf die Pelle rückte. Ich nutze also direkt die Möglichkeit, dass das endlich mal wo veröffentlicht wird. Im Allgemeinen muss ich aber zugeben, dass er ein sehr liebevoller großer Bruder war.
Juri Sternburg: Meine erste Erinnerung an ihn ist, wie er zehn Minuten nach der Geburt, blau angelaufen und noch etwas deformiert in den Armen meiner Mutter lag. Seitdem hat er sich ganz gut entwickelt, finde ich. 

Wie darf man sich Ihr Verhältnis heute vorstellen? Bleibt der große Bruder für immer der Große oder kann sich das Verhältnis auch verschieben?
Juri Sternburg: Das müssen Sie wahrscheinlich ihn fragen. Ich habe ihm, glaube ich, noch nie irgendwo reingeredet oder versucht, ihn zu bevormunden.
León S. Langhoff: Dazu muss ich sagen, dass ich seit fast einem Jahrzehnt größer bin. Und zwar ca. 10 cm. Trotzdem - seine sieben Jahre Vorsprung wird er immer behalten. Doch ab einem gewissen Alter fing ich an, seinen intellektuellen Vorsprung etwas aufzuholen. Als Kind hatte mich dieser Unterschied sehr genervt. Ich würde sagen, heute sind die Gespräche andere, und das Schöne ist, dadurch lernt man sich irgendwie noch einmal neu kennen. 

Hatten Sie je andere Berufswünsche als Künstler/Theatermacher zu werden? Wie würden Sie Ihren Anspruch an sich und Ihre Arbeit heute beschreiben?
León S. Langhoff: Das ist, glaube ich, der dritte Beruf, auf den ich hinarbeite. Von vier bis elf habe ich mit großer Begeisterung an einer kommenden Naturforscher-Karriere geackert, aber irgendwann durfte ich auch andere Sachen im Fernsehen schauen als Tierfilme, das war wohl ein entscheidender Moment. Von 16 bis 24 habe ich dann Musik studiert, genauer gesagt Querflöte, und eine Ausbildung zum Orchestermusiker gemacht. Warum ich mich dagegen entschieden habe, wäre ein Interview für sich, aber maßgeblich ist dabei sicher das Gefühl, das ich habe, sobald ich ein Theater betrete. Das Tolle an den Proben ist, dass man mit einer Gruppe Menschen in einem zwar professionellen Arbeitsverhältnis steckt, das im Idealfall mit großer Hingabe betrieben wird, man sich aber auch zwangsläufig auf sehr menschlicher Ebene begegnet, nicht nur mit den SchauspielerInnen. Bei allen künstlerischen Ansprüchen ist das der Grund, warum ich mich für diesen Beruf entschieden habe.
Juri Sternburg: Ich glaube, ich habe mir eingeredet, dass ich andere Berufswünsche hätte. In meiner Jugend habe ich auch eine Weile geschauspielert. Aber spätestens mit 20 war dann irgendwie klar, dass ich schreiben will und muss. Erstens, weil ich gemerkt habe, dass ich die Texte, die ich gespielt habe, viel spannender fand als das Spielen an sich und zweitens, weil ich es nun mal offensichtlich ganz passabel kann. Mein Anspruch war es schon immer, Dinge zu tun, die ich selber spannend finde. Wenn ich merke, dass ich etwas tue, obwohl es mir keine Freude macht und ich kein Interesse daran habe, dann lass ich es bleiben. Die meisten Menschen haben das Gefühl, sich das nicht erlauben zu dürfen, fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz.

Wie kommt es, dass dies bei Ihnen anders ist?
Juri Sternburg: Ich kann vom Schreiben leben. Das beinhaltet Theaterstücke, Drehbücher, journalistische Meinungstexte oder wie jüngst die Konzipierung einer TV-Show. Und ich habe das große Glück, dass mir meine Arbeitgeber eigentlich immer die Freiheiten lassen, mir meine Themen selber auszusuchen bzw. vorzuschlagen. Der Nachteil ist, dass ich weder ein Sparkonto noch eine vernünftige Altersvorsorge habe. Das ist wohl der Preis, den man für diese Freiheit zahlen muss. 

Haben Sie bereits Erfahrungen mit gemeinsamen Projekten oder ist diese Zusammenarbeit eine Premiere? Haben Sie eine Abmachung getroffen, wie Sie das Verhältnis von Autor und Regisseur bei dieser Arbeit gestalten wollen? Darf der Autor auf die Proben?
León S. Langhoff: Wir haben zwar beide schon gespielt, geschrieben und inszeniert, aber tatsächlich nie zusammen. Was die Proben angeht: Ich denke, dafür, dass ich ihm beim Schreiben ein wenig reingequatscht habe, ist es nur fair, wenn er mir beim Proben ein wenig reinquatschen darf. Zumal es für alle Beteiligten immer interessant ist zu hören, was der Autor eigentlich über seine Zeilen denkt. Das habe ich oft erlebt im Theater.
Juri Sternburg: Ich habe Arbeiten von León am Maxim Gorki Theater gesehen und war sehr beeindruckt. Als wir uns zum ersten Mal getroffen haben, um zu überlegen, ob wir das gemeinsam machen und worum es in meinem Stück gehen soll, hat es vielleicht 15 Minuten gedauert, bis die erste Idee stand und wir uns darüber im Klaren waren, dass wir diesen Weg zusammen gehen wollen. Wir reden privat eigentlich nie über Theater, obwohl oder gerade weil wir beide dort arbeiten. Deswegen war es schön zu sehen, dass unsere Vorstellungen von einem gelungenen Abend sehr nah beieinander liegen. 

Sie haben beide bereits Erfahrungen mit Rostock gesammelt. Gibt es Dinge/Menschen/Phänomene in dieser Stadt, die Leidenschaft in Ihnen geweckt haben?
Juri Sternburg: Ich war vor allem wegen des Fußballs immer wieder in Rostock. Das erste Spiel meines Lebens war Hertha BSC Berlin gegen den FC Hansa Rostock, ich war circa acht Jahre alt. Da meine Eltern und der Rest der Familie mit Fußball und Stadionbesuchen überhaupt nichts anfangen können, war das wahrscheinlich meine Art der jugendlichen Rebellion oder Abgrenzung. Und auch wenn ich als West-Berliner natürlich Herthaner bin, hat es mich immer wieder zu Hansa Rostock hingezogen. Eine etwas merkwürdige Mischung zugegebenermaßen. Doch ich habe auch viele Freunde, die den Verein unterstützen.
León S. Langhoff: Ich habe von 2010 bis 2014 an der hmt Rostock studiert. Ich verbinde mit dieser Stadt also sehr viel. Viele Freunde, eine große Liebe, ich bin hier zum Raucher geworden und war das erste Mal in einem Fußballstadion. Das mache ich seitdem öfter. Die studentische Bevölkerung Rostocks wird allerdings im Vier-Jahres-Rhythmus durchgespült und erneuert. Heute bin ich also an einem Ort, an dem ich das Gefühl habe, jeden Stein, aber kein Gesicht mehr zu kennen. Oh, doch, die Tabakwarenverkäuferin am Dobi ist noch dieselbe, das hat mich sehr gefreut. 

Und nun noch zum Stück: Könnte jeder von Ihnen in zwei Sätzen sagen, worum in dem Text bzw. der Inszenierung geht?
Juri Sternburg: Es geht um die Frage, warum zwei Menschen immer einer zu viel sind und wir dennoch nicht ohne den anderen können.
León S. Langhoff: Auf einer Bühne interessieren mich in erster Linie immer die Menschen, ihre Macken und Eigenheiten, ihre Sicht auf eine Umgebung, die ich ja auch sehe, wie sie ticken und warum. Speziell dreht sich dieser Abend im Ateliertheater um die Frage, was jemanden eigentlich dazu bringt, einem anderen beispielsweise den Schädel einzuschlagen. Wie absurd ist Gewalt in einer Welt, in der ja eigentlich die meisten eine gute Zeit haben wollen. Warum wir den Tod so freimütig austeilen, selbst aber oft außerstande sind, ihn als Teil unseres eigenen Lebens wirklich zu akzeptieren.